Tel Aviv in der Ankunftshalle des Ben Gurion Flughafens, es ist 12:15 Uhr (MEZ +1 Std.). Die Reise begann in Berlin am Flughafen Schönefeld um 7:00 Uhr morgens (MEZ). Jetzt stehe ich aufgeregt in der Schlange vor der Einreisekontrolle und die Zollbeamtin stellt mir die Frage: Warum reisen Sie nach Israel? Diese Frage habe ich mir ehrlich gesagt auch schon gestellt.

Warum nach Israel reisen?

Ich liebe es zu reisen und ich liebe, was das Reisen mit mir macht. Unterwegs trifft man viele interessante Menschen, man lernt jede Menge über andere Kulturen, aber auch über sich selbst und sein Herkunftsland. In meinem Reisepass finden sich darum Stempel aus Ländern wie Kanada, Australien und Neuseeland. Die spannendste Reise, die bisher in meinem Reisepass dokumentiert wurde, war ein 10 tägiger Trip durch Vietnam. Weder Sprache, noch Schrift, noch Kultur waren mir hier sonderlich vertraut. Jedes Mal erinnere ich mich dankbar an dieses tolle Erlebnis, wenn ich die Seite 10 in meinem weinroten Reisepass aufschlage.

Ohne Stempel

Die Dame vom Zoll blättert alle Seiten zügig durch. Sie wird mir am Ende unserer Begegnung keinen Stempel, sondern lediglich einen kleinen Papierabschnitt in blau für meine Einreise nach Israel in den Pass legen. Acht Tage später werde ich am selben Flughafen einen gelben Abschnitt für die Ausreise von einer anderen Kollegin erhalten. Beide Abschnitte befinden sich immer noch in meinem Pass und belegen meinen ersten Aufenthalt in Israel. Sollte ich beispielsweise einmal in den Iran oder den Libanon reisen wollen, sollte ich die Abschnitte vorher besser aus dem Pass herausnehmen.

Kennen und verstehen lernen – über Sprachgrenzen hinaus

Auch in Israel sind mir die Sprache und die Schrift nicht sonderlich vertraut (weder die hebräische noch die arabische - und "nicht sonderlich" ist eigentlich noch maßlos übertrieben). Doch was mich in diesem speziellen Fall viel mehr beschäftigt, sind die Gemeinsamkeiten mit meinem Herkunftsland - nämlich die gemeinsame Geschichte, die Israel und Deutschland verbindet. Jeder empfindet da natürlich anders, aber ich habe auf Reisen nie gerne preisgegeben, dass ich aus Deutschland stamme. Daran ändert auch mein Geburtsjahr 1983 nichts. Andere sehen das vielleicht ganz anders und reagieren auf das Thema Holocaust weniger betroffen. Der ein oder andere reagiert eventuell sogar gereizt, beispielsweise dank der hartnäckigen Auseinandersetzung mit diesem schweren Kapitel der deutschen Geschichte im Schulunterricht und der immer gleichen Art und Weise sich damit zu beschäftigen.

El Mazul Square in Isfiya

Wer reist, kann anderen begegnen

Die vom Pressenetzwerk für Jugendthemen (PNJ) organisierte und durch den Kinder- und Jugendplan (KJP) des Bundes geförderte Informationsreise widmet sich dem Thema "Jugendkulturen in Israel". Sie richtet sich an Mitarbeiter aus den Bereichen Medien und Jugendhilfe und führt uns in einer Woche nach Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Da ich für den Hauptverband des Deutschen Jugendherbergswerks tätig bin und in diesem Zusammenhang vielleicht einmal selbst mit einer Jugendgruppe nach Israel reisen werde, möchte ich mich gerne über das Land informieren und mich so etwas besser auf das vorbereiten, was mich im Rahmen der Jugendbegegnung erwarten könnte. Darum reise ich also nach Israel!

Unser Programm ist abwechslungsreich und sehr interessant. Wir treffen auf junge Israelis, die in der Schule die deutsche Sprache lernen, an der Universität Haifa den Masterstudiengang "German and European Studies" absolvieren, ihren Militärdienst bei dem Armeesender „Galei Zahal“ ableisten oder ihren Zivildienst an einer Schule. Wir lernen die Stadtführerin Ruth kennen, deren Sohn in Berlin studiert, wir lernen Deutsche kennen, die in Israel arbeiten und leben, und wir besuchen die Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ in Jerusalem. Die Frage "Woher kommst du?" wird mir in den acht Tagen immer wieder gestellt und nicht ein einziges Mal fällt die Reaktion meines Gegenübers auf meine schüchterne Antwort "Aus Deutschland." negativ aus. Viele sind sogar im Gegenteil überaus an meinem Herkunftsland interessiert und schätzen es sehr. Sie sind von Deutschland begeistert und wissen viel darüber, auch über aktuelle Themen (angefangen bei den Koalitionsverhandlungen bis hin zum Tabellenstand der 1. Fußball-Bundesliga). Mit dieser durchweg positiven Resonanz habe ich nicht gerechnet und bin überrascht. Vielleicht sollte ich meine eigene Einstellung zu meinem Herkunftsland noch einmal überdenken? Ich fühle mich erleichtert und bin froh und dankbar, dass ich nach Israel gereist bin!

Yad Vashem – Halle der Namen

Reisen lohnt sich!

Ich habe wieder viele interessante Menschen getroffen, jede Menge über Israel erfahren, aber auch wieder viel über mich und mein Herkunftsland gelernt. In Sachen Sprache und Schrift hat sich innerhalb der Woche aber leider nicht viel bei mir getan. Meine Sprachkenntnisse beschränken sich auf die Klassiker: Hallo = Shalom, Danke = Toda, Ja = Ken, Nein = Lo. Bei all meinen Begegnungen mit den vielen verschiedenen Menschen in Israel war es für mich kein Problem, mich mit meinem jeweiligen Gegenüber auf Englisch auszutauschen. Als ich am Tag meiner Abreise mit dem Zug wieder zurück zum Ben Gurion Flughafen fahren möchte, scheitere ich dann allerdings an den Lautsprecherdurchsagen, die nur in hebräischer und arabischer Sprache wiederholt werden. Ich gehe also auf eine junge Soldatin zu, die gerade auf dem Heimweg von ihrem Dienst ist und deswegen eine Waffe trägt. Sie spricht hervorragend Englisch und ist äußerst freundlich und überaus hilfsbereit. „Aufgrund von Gleisarbeiten kommt es zu Verzögerungen im Betriebsablauf“ - so oder so ähnlich hätte wohl die Version des Durchsagetextes in Deutschland gelautet. Da man in Israel auch bei der Ausreise genügend Zeit für die Sicherheitskontrollen am Flughafen einplanen sollte, komme ich leider nicht darum herum - vom Zug auf das Taxi umzusteigen. Ich möchte mich bei der hilfsbereiten Soldatin bedanken und sage ihr, dass ich sie normalerweise jetzt gerne zum Abschied in den Arm nehmen würde, weil sie so freundlich zu mir war und mir so sehr geholfen hat, dass ich aber annehme, dass man Soldatinnen und Soldaten besser nicht einfach so in den Arm nimmt. Sie lächelt und umarmt mich! Und genau darum liebe ich das Reisen und was es mit mir macht so sehr. Falls mich in Deutschland mal jemand um Hilfe bittet oder eine Auskunft benötigt, kann ich hoffentlich etwas von dem zurückgeben, was mir auf meinen Reisen von anderen an Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Offenheit schon so oft entgegengebracht wurde. Und auch ohne Stempel werde ich mich immer dankbar an meinen ersten Aufenthalt in Israel erinnern. Danke für diese Erfahrung Israel - und vielleicht bis zum nächsten Mal! :-)

Jugendbegegnung "Walk on Water"

Falls du auch gerne reist und gerne etwas über Israel erfahren möchtest, dann bewirb dich doch als Teilnehmer für unsere Jugendbegegnung "Walk on Water", die im Sommer 2018 stattfinden wird. Nähere Informationen dazu findest du hier.

Text: Dorothee Crönert,
Fotos: Wolfgang Noack und privat

Kommentare

Toller Bericht! Kann man sich gut reindenken.

15. Januar 2018 - 20:13