Autor:

OutbikingOutbiking(39) aus Detmold

Statistik:

  • 9 Kommentare
  • 3.6

Aktion:

Einmal Alpen und zurück

Eine spontane Idee, ein Wintermärchen im Mai - aber kein Zuckerschlecken...

In den Alpen mit dem Rad - ein Reisebericht

2.5.2010 | Ich sitze am knackenden Kamin in der warmen Stube in diesem kleinen Nest Hospental. Es ist noch keine Saison und die ganze Region um das schweizerische Andermatt im Kanton Uri wirkt wie ausgestorben. Ich habe mich eben mit meinem Fahrrad bei heftigem Schneeregen die vielen Serpentinen und diversen Steigungen bis auf 1500m in dieses kleine Bergdorf hochgekämpft und geniesse jetzt nach einer heissen Dusche das durchaus wohlige Gefühl, wenn zuvor durchgefrorene und geschundene Gliedmassen heimeliger Wärme ausgesetzt werden und sich mehr und mehr beginnen zu entspannen.
Während ich diesen Reisebericht schreibe, schaue ich zum Fenster raus und kann bei dem Schneetreiben jetzt kaum noch die Brücke erkennen, die ich vor einer knappen Stunde überquert habe - so dick und zahlreich sind mittlerweile die Schneeflocken, die ganz Hospental mehr und mehr in ein Wintermärchen verwandeln. Auf der Strasse liegt bereits eine geschlossene Schneedecke. Für meine weiteren Reispläne ist dieses Phänomen eher suboptimal, da ich morgen weiterfahren will ins Tessin – und dazu müsste ich vorher zwei Alpenpässe überqueren - den Oberalppass sowie den Lukmanierpass – beides Pässe, die bis jetzt noch geöffnet waren, obwohl sie bereits bis auf über 2000m Höhe gehen - doch wenn es die ganze Nacht so weiterschneit, werden diese Passtrassen mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen früh geschlossen werden. Da der Gotthardpass sowieso wegen der herrschenden Schneemassen gesperrt ist, hatte ich mich für diese Alternativroute über die beiden genannten Pässe entschieden, doch momentan sieht es so aus, als würde dieser Plan nicht aufgehen - ich scheine hier jetzt erst einmal in Hospental im Kanton Uri festzusitzen….
Weil der Wettergott sich von meinen Plänen weiterhin nicht beirren lässt, schneit es draussen lustig weiter. Als ich mir die respektable Schneeschicht vorm Haus anschaue – einen Tag eher und ich hätte es noch bis ins Tessin geschafft – muss ich plötzlich laut lachen, denn ich finde ich diesen Zufall auf einmal ziemlich komisch – der Wetterbericht sagte eine Schneefallgrenze um die 2000m voraus, doch die Meteorologen scheinen sich um schlappe 500m verkalkuliert zu haben… Während ich also weiter dem Knacken und Zischen des Feuers lausche und die Wärme weiter in jede Zelle meines Körpers vorzudringen scheint, lasse ich in Gedanken noch mal die letzten Tage meiner diesjährigen Alpentour Revue passieren: Zunächst erstand ich ein Zugticket und es ging per Bahn nach Augsburg, von wo ich meine Tour starten wollte.

Der Blick aus dem Zugfenster bestätigte mein Bestreben, mich ausreichend mit warmen und wasserdichten Klamotten ausgestattet zu haben. Es regnete einmal mehr und die Temperaturen im Monat April waren noch im einstelligen Bereich. Zunächst hatte ich eine Irlandrundfahrt in Erwägung gezogen, doch ein Blick auf die Wetterkarte und der Ausbruch des Vulkans in Island lenkte dann meinen Fokus Richtung Alpen. Von Augsburg ging es also zunächst vorbei am Ammersee durchs Allgäu nach Füssen, wo ich die erste Nacht im Zelt am See verbrachte und mein Zelt unfreiwillig auf Wasserdichtigkeit testete. Der Platzwart vom Bannwaldsee-Campingplatz kriegte sich gar nicht mehr ein, als er von mir hörte, dass ich mit dem ganzen Gepäck über 2000m hohe Alpenpässe radeln möchte. Kurz darauf passierte ich die deutsch-österreichische Grenze und genoss bei häufig wechselndem Wetter von Lermoos aus das hervorragende Panorama auf die mit viel Schnee bedeckte Zugspitze. Wenig später erwartete mich schon der erste Pass: der Fernpass, der leider eine besonders von Lkw’s vielbefahrene Strasse ist, die bis auf 1200m Höhe geht. Nach der Fernpasshöhe, die ich ohne Probleme schnell erreichte, folgte der wohlverdiente Downhill vorbei am Schloss Fernsteinsee und weiter bis Landeck und Imst, um dann den 2000m hohen Arlbergpass von St. Anton in Tirol aus in Angriff zu nehmen. Dieser Pass war die erste Herausforderung für mich, da ich zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht in Topform war. (Der harte Winter mit viel Schnee und Kälte liess nicht viel Spielraum für eine adäquate Vorbereitung). Nach dem fordernden und schneebedeckten Arlbergpass durchquerte ich nach Tirol in kurzer Zeit das kleine Liechtenstein, nachdem ich eine laue Nacht mit Lagerfeuer unterm Sternenhimmel am Ufer des wunderschönen Walensees verbracht hatte. Ich durchquerte den schweizerischen Kanton St. Gallen und gelangte bei 28 Grad und Sonnenschein im Kanton Schwyz über den Ibergeregg- Pass an den Vierwaldstätter See, wo ich wegen akutem Dauerregen zwei Tage in einer Herberge direkt am See verweilte und es ruhig angehen liess. Diese Pause kam auch der Regeneration meines überbeanspruchten Knies sehr zugute, und ich radelte mit frischen Kräften am See entlang vorbei an der Tellsplatte bis Altdorf, um von dort die ca. 1000 Höhenmeter bis nach hier oben, d.h. Andermatt/ Hospental im Kanton Uri zu kurbeln.

Die ganze Tour hatte ich nicht gross im Voraus geplant, sondern die Idee war eher kurzfristig umgesetzt worden. Ich kenne allerdings auch Biker, die planen selbst eine relativ kurze Fahrradtour akribisch bis ins Detail ein Jahr im Voraus - zu dieser Spezies gehöre ich aber nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss und im Handumdrehen war alles eingepackt: mein Fahrradschwertransport mit den 4 Satteltaschen, Zelt und Lenkertasche wartete mit seinem 40kg auf seinen Einsatz. Es ist jetzt bereits das vierte Mail, dass ich die Alpen überquere – das erste Mal in 2007, als ich in wenigen Tagen von Füssen über das Timmelsjoch nach Verona radelte; das zweite Mal, als ich im Jahr 2008 vom Bodensee aus über den Jakobsweg bis nach Lissabon pedalliere; beim dritten Mal in 2009 ging es vom Allgäu aus nach Venedig und weiter nach Griechenland. Dieses Mal hatte sich eine besonders anspruchsvolle Route ergeben, da ich die Alpen nicht nur einfach, sondern gleich hin und zurück überqueren wollte – die Krönung der ganzen Unternehmung sollte die Befahrung der Grossglockner - Hochalpenstrasse bis auf 2500m sein. Da sich die Tour von Ende April bis Mitte Mai erstreckte, spielte bei diversen Pässen die Schneelage eine entscheidende Rolle und so konnte es durchaus passieren, dass ein bis dato noch geöffneter Pass von jetzt auf gleich wegen akuter Lawinengefahr geschlossen wurde.
Wie gerade jetzt in Hospental. Es hatte wie befürchtet die Nacht durchgeschneit und das ganze Dorf liegt jetzt unter einer dicken Schneedecke. Ein Blick ins Internet bestätigt früh morgens offiziell die Schliessung von Oberalppass und Lukmanierpass. Ich nehme meine Landkarte zur Hand und kalkuliere, was für Alternativen es gibt. Zum einen gibt es für mich die Möglichkeit, so lange im Dorf auszuharren, bis die Pässe wieder geöffnet sind. Die zweite Möglichkeit wäre, den Weg bis zum Vierwaldstätter See wieder zurückzufahren und von dort eine andere Route gen Süden zu wählen, was einen riesigen Umweg darstellt. Die dritte Möglichkeit klingt für mich zunächst ebenso unbehaglich, sollte sich aber dann als das geringste Übel herausstellen: der Furka- Autoverladezug von Realp bis Oberwald im Kanton Wallis...

3.5. Hospental - Brig

Etwas zerknirscht sitze ich wenig später die 20 Minuten im Zug ab, bis ich aus eigenerKraft weiterfahren kann – ich wollte doch hoch hinaus auf 2000m!
Nun ja, angekommen in Oberwald ist es deutlich wärmer und es liegt so gut wie kein Schnee. Ich fahre durch die Gams-Region mit vielen uralten Heustadlen, die die Strasse säumen und komme wenig später bei aufkommendem Regen in der 12000 Seelen zählenden Stadt Brig an. Sie liegt am Südufer der Rhone zwischen den Berner und Walliser Alpen und ist für mich der Ausgangspunkt für den Simplonpass, über den ich mich morgen rüber nach Italien ins Tessin fahren will. Der Wetterbericht verheisst nichts Gutes und ich miete mir ein Zimmer im Europa Hotel. Leider wird die Strasse vorm Hotel gerade aufgerissen und der Lärm des Presslufthammers nervt mich die ganze Nacht.

4.5. Brig – Simplonpass - Gondoschlucht - Domodossola

Nach einem ausgiebigen Frühstück mache ich mich einigermassen unausgeschlafen bei strömendem Regen auf den anstrengenden Weg über den Simplonpass rüber nach Italien.
Der Simplon als der bestausgebaute Passübergang der Schweiz hat sich zu einer Transitstrecke für den Schwerverkehr entwickelt, die jährlich von rund 80.000 Lastwagen befahren wird. Obwohl es sich bei der Simplonstrasse um eine Nationalstrasse handelt, kann der Pass trotzdem auch mit dem Fahrrad befahren werden. Die ersten Kilometer geht es auf der alten Simplonstrasse stramm berghoch mit bis zu 13% Steigung, bis ich mit meinem Bike auf die Nationalstrasse abbiege. Hier hält sich die Steigung mit 9% absolut im Rahmen und ich fahre relativ entspannt, aber pudelnass, in Richtung Passhöhe. Es geht durch verschiedene Tunnel – genannt Galerien - und die Ganterbrücke, die in den 70er Jahren gebaut wurden, um den Pass schneesicher zu machen. Aus diesem Grund ist der Simplon normalerweise das ganze Jahr über geöffnet. Als ich schliesslich die 1900m- Marke erreiche, geht der bindfadenartige Regen in Schnee über, und als ich auf der Passhöhe auf 2005m stehe, bin ich trotz mehrfacher Kleidungsschichten nass bis auf die Knochen. Nun beginnt der eigentlich gefährliche Teil: der Downhill. Es haben schon diverse Radfahrer ihr Leben verloren, weil sie das Auskühlen während der Abfahrt unterschätzt haben. Deshalb streife ich mir im Gipfel- Restaurant ein paar dicke Plastiktüten über die Schuhe und dichte sie an den Hosenbeinen mit Klebeband ab; ausserdem wechsle ich noch ein paar nasse Sachen, was meine Satteltaschen hergeben: Fahrrad-Trikot, T-Shirt, noch ein T-Shirt, Fleecepulli, Windstopper, leichte Windjacke und Regenjacke sowie 2 Hosen, Kopftuch und eine dicke Wintermütze. Der Downhill ist trotz dieser Michelin-Männchen-Verkleidung ziemlich eisig und ich muss noch ein paar Notstopps einlegen, bis ich nach 1 Stunde Bergab-Raserei kurz vor der schweizerisch – italienische Grenze bei akutem Platzregen die sagenhafte Gondoschlucht erreiche. Die Schlucht, die lange Zeit als unbezwingbar galt, wurde im 17. Jhdt. von Kaspar Jodok von Stockalper ausgebaut. Die eigentliche Passtrasse wurde 1800-1805 von Napoleon für militärische Zwecke ausgebaut und die zunächst nur für Fussgänger passierbare Strecke war ab dann schliesslich auch für Fahrzeuge – wie z.B. auch Fahrräder - geeignet. Im Jahr 2000 brach nach tagelangem Regen der Schutzdamm oberhalb des Bergdorfes Gondo und die Wassermassen und der Schlamm sorgte für ein ziemliches Chaos - es gab auch einige Tote und Verletzte. Auch der Stockalperturm aus dem 17.Jhdt. wurde beschädigt. Auch jetzt, wo ich sehr beeindruckt und schon fast ehrfürchtig durch die enge Schlucht fahre, ergiessen sich spektakuläre Wasserfälle hoch über meinem Kopf von den steil abfallenden Wänden – und landen tosend in den mit Geröll angefüllten Fluss Doveria, der sich bergab windet. Sehr beeindruckt, aber auch durchgefroren und seit mehreren Stunden immer wieder durchnässt, erreiche ich die schweizerisch- italienische Grenze und suche mir eine Unterkunft in Domodossola, um meine getränkten Sachen zu trocknen. Ich hatte mich vorher bei der Polizia Minicipale im Ort erkundigt, wo es eine halbwegs erschwingliche und beheizte Behausung zu mieten gibt, da ich bei meinen Versuchen, etwas adäquates für die Nacht zu finden, keinen Erfolg hatte: entweder war der Preis utopisch oder es gab keine funktionierende Heizung, die ich so dringend brauchte.

Von Domodossola aus ging es dann nach Mailand und weiter zum Gardasee, wo mich besseres Wetter erwartete. Ich erholte mich ein wenig von den Strapazen und lungerte einen halben Tag am Ufer bei Desenzano rum, um mein Sonnendefizit auszugleichen. Ich radelte noch ein paar Kilometer bis kurz vor Salo am Südufer des Sees und schlug mein Zelt ein paar Meter von der Wasserkante entfernt auf. Als ich gegen 21 Uhr gerade im Zelt lag und die Augen schliessen wollte, vernahm ich in der Distanz ein dumpfes Grollen – Gewitter! Ich kroch aus meiner übersichtlichen Behausung und widmete mich in der nächsten Stunde ganz dem Schauspiel, welches sich zunächst am nord-östlichen Ufer des Gardasees abspielte:
Zuckende Blitze in 30km Entfernung, peitschender Regen und auffrischende Winde, die mein Zeltlager immer mehr in Frage stellten. Ein paar Meter von mir entfernt hatte interessanter Weise ein weiterer Biker sein einsames Zelt aufgebaut und so versuchten wir, gemeinsam dem direkt auf uns zukommenden Unwetter zu trotzen. Als der Wind Sturmstärke erreicht und unsere Zelte ordentlich durchschüttelt, ist das Gewitter direkt vor uns und ich verkrieche mich schleunigst in mein übersichtliches Refugium. Es donnert und blitzt, dass sich mir die Nackenhaare sträuben, doch nach einer halben Stunde trommelndem Regen und Sturm scheint alles überstanden und ich schliesse endlich nach stundenlangem Unwetter meine Augen und überlasse mich Morpheus Armen. Doch dann passiert es : als ich mich gerade in tiefster Entspannung dem Schlaf hingeben möchte, gibt es plötzlich wie aus dem Nichts einen markerschütternden, ohrenbetäubenden Knall und gleichzeitig einen derart gleissenden Blitz, dass mir das Blut in den Adern gefriert – es hat ganz offensichtlich ein paar Meter neben meinem Zelt eingeschlagen und der Strom ist weg! Ich bin absolut perplex und versichere mir erst einnmal, dass ich offensichtlich noch am leben bin. Der Blitz hatte einen Stromkasten nebenan getroffen und es sollte grösseren Aufwand erfordern, diesen Misstand wieder zu beheben. Doch bevor dies stattfand, war ich am nächsten Morgen schon wieder unterwegs Richtung Norden am Westufer des Gardasees - und es war ein unglaubliches Gefühl, dieses atemberaubende Westufer des Gardasees mit dem Fahrrad bei bestem Wetter zu erobern. Bisher war ich bis auf eine Tour mit meinem alten VW-Bus 1994 mit dem Fahrrad immer am Ostufer unterwegs gewesen, welches mit den Städtchen Torbole, Limone und Bardolino etc. einge Highlights zu bieten hat. Die schroffen Felswände, die vielen Tunnel und diversen Aussichtspunkte des Westufers entschädigten für den in der Regel stark fluktuierenden Autoverkehr – im Mai hat man allerdings das Glück, dass es noch relativ entspannt zur Sache geht und auch die Campingplätze noch sehr viel Kapazitäten haben.
Ich fahre weiter über den wundervollen Radweg entlang der Etsch durch Obst- und Weinanbaugebiete bis nach Bozen und weiter durchs Eisacktal und Pustertal, bis ich Heiligenblut in Kärnten erreiche.

16.5. Heiligenblut – Grossglockner- Hochalpenstrasse- Zell am See

Heiligenblut liegt auf 1200m am Fusse des Grossglockner. Dieses kleine Alpendorf ist Ausgangspunkt für den härtesten Teil meiner 2-fachen Alpenüberquerung mit dem Fahrrad. Die Krönung meiner freiwilligen Alpen Tor-Tortour ist die Hochalpenstrasse am Fusse des mit 3800 Metern höchsten österreichischen Berges...
Die Strasse selber führt mich immerhin bis auf 2500m, was doch eine beachtliche Herausforderung für die konditionellen Fähigkeiten darstellt, zumal mein Drahtesel ja schwer beladen ist.

Mit etwas gemischten Gefühlen fahre ich also morgens um 9 an der Kirche von Heiligenblut vorbei und passiere das Strassenschild, auf dem 12% Steigung auf den nächsten 33km ausgewiesen ist. Nach wenigen Metern spüre ich bereits deutlich die vermehrte Bildung von Milchsäure in meinen Oberschenkeln und reduziere notgedrungen das Tempo kurzfristig auf lächerliche 6km/h - das Brennen in den Muskeln verschwindet rasch, doch die permanenten 12% fordern eine sehr gute Koordination und Grundlagenausdauer.
Es ist Mitte Mai und noch sehr kühl in dieser Höhe, die mir bei jeder der insgesamt 26 Haarnadelkurven angezeigt wird „Tauernberg 1668m“ In wenigen Minuten werde ich die Schneegrenze erreicht haben und von Zeit zu Zeit weht mir ein schneidender Wind ins Gesicht. Bei einer Parkbucht lehne ich mein Fahrrad gegen eine Leitplanke und wappne mich mit einem weiteren Kleidungsstück in Form meines treuen Windstoppers gegen die Kälte. Ich geniesse kurz das beeindruckende Panorama runter ins Tal und auf die Kärntener Bergriesen, bevor ich mich wieder in den Sattel schwinge und bemüht bin, schnell wieder meinen Rhythmus zu finden. Es fängt an zu nieseln und wenig später auf 1800m auch an zu regnen, aber meine 6 Schichten, die ich zum Schutz meines Oberkörpers angezogen habe und die Hose aus Mikrofaser halten zunächst noch dicht, doch schliesslich fängt es auf 2200m stark an zu Schneien. Meine Klamotten sind einmal mehr nass, als ich die letzte Kehre vor zunächst höchsten Punkt der Alpenstrasse passiere: im dichten Nebl erkenne ich das Schild „Hochtor 2504m“. Ohne Pause habe ich eine Fahrzeit von knapp 3 Stunden und ich spüre deutlich die intensive körperliche Beanspruchung, doch ebenfalls eine gewisse Euphorie, die mit derart intensiven Belastungen einhergeht. Bei Schnee und einem eisigen Wind fummle ich dann mit grobmotorischen und fahrigen Bewegungen an meiner Lumix-Kamera herum, um mit dem Selbstauslöser das obligatorische „Gipfel“- Foto zu machen, doch die Sache gestaltet sich äusserst schwierig, da meine Hände ziemlich steifgefroren sind.
Dichte Nebelschwaden ziehen vorbei und ich erkenne nur schemenhaft die Silhouette des Bergrestaurants, welches mir gerade recht kommt, um mich ein wenig aufzuwärmen, ein trockenes T-Shirt anzuziehen und eine heisse Suppe zu konsumieren. Als ich zunächst bei Schnee weiterfahre, ändert sich nach Passage eines mit dicken Eiszapfen drapierten Tunnels schlagartig das Wetter. Die Sonne lugt hier und da hinter den schnell vorbei ziehenden Wolken vorbei und ich passiere die 2571m hohe Aussichtsplattform der Edelweisspitze, von der man eine grossartige Aussicht auf den Grossglockner geniessen kann, wenn die Sicht gut ist. Tatsächlich erhasche ich einen Blick auf den berühmten Gipfel, der kurzzeitig von Wolken befreit in der Nachmittagssonne erstrahlt und rase kurz darauf mit einem Affentempo die 11 Kilometer bergab nach Ferleiten und komme vollgepumpt mit Endorphinen spät abends in Zell am See an. Hier schlage ich mehr als zufrieden gegen Mitternacht mein Zelt direkt am See auf und falle in einen nahezu komatösen Schlaf.
Der Grossglockner hatte mir einiges abverlangt und war unstrittig das absolute Highlight meine ganzen Tour, aber ich habe festgestellt, dass ich immer dann zur Höchstform auflaufe, wenn es „ans Eingemachte geht“. Morgen werde ich Richtung München und dann später mit dem Zug nach Hause fahren, doch jetzt träume ich erstmal schon von der nächsten Tour in den Alpen - und dann wird es ebenfalls kein Zuckerschlecken werden – so viel steht fest.

Text und Fotos: Lars Rekemeyer
www.outbiking.de

Kommentare

Die Alpen-Tour von Lars gibt es ab sofort auch als Film:

maTmaT(26) aus Stade

Nice!

Fahre auch ein bisschen MTB allerdings gar nicht auf diesem Niveau. RESPEKT!

Martin_1982Martin_1982(29) aus Kassel

Doping

Sorry, dass ich dieses Thema anschneide, aber mich würde mal interessieren, inwiefern es auch unter Freizeitradfahrern üblich ist, sich etwas einzuwerfen, um schneller auf den Berg zu kommen. Gibt es sowas oder beschränkt sich das nur auf die Profis?

OutbikingOutbiking(39) aus Detmold

Doping...

...gibts vereinzelt bestimmt auch im Freizeit/-Amateurbereich... analog zum Doping in Fitnesstudios z.B... wenn du allerdings mich persönlich im Radreisebereich fragst, ist es hier für mich nicht entscheidend, möglichst schnell auf den Berg zu kommen, sondern beispielsweise jeden Augenblick so intensiv wie möglich wahrzunehmen...

bird999bird999(22) aus Würzburg

Doping?

Nur weil die Tour de France grad läuft kommst du auch wieder auf Doping, oder wie? :O) Hoffe mal, dass es im Freizeitbereich davon verschont bleibt...

kleines_bäumchenkleines_bäumchen(20) aus Grömitz

Respekt

Ich bin alles andere als unsportlich, aber so ne Tour wär dann doch wohl eher ne Tortur für mich... ;) Vor der Leistung zieh ich meinen virtuellen Hut.

PS: "Text und Fotos: Lars Rekemeyer", aber kein Profil mehr auf youpodia? Schade. :(

OutbikingOutbiking(39) aus Detmold

hello

hab mich grad mal angemeldet, um hier vorbeizuschauen. Danke für die Beiträge...

Profil ist wieder da! Mein

Profil ist wieder da! Mein Fehler!

kleine_hexe1kleine_hexe1(17) aus Cottbus

Bilder

Die Bilder sind cool - aber der Text ist mir grad zu lang. Muss ich später noch ma lesen :)