Wer reist, der sieht. Der riecht. Der hört Dinge, die ihm neu sind. Und vor allem trifft er Menschen. Weil ein jeder seine Individualität liebt, werden ihm die Eigenarten eines Menschen anderer Nation so unterschiedlich vorkommen. Und was, wenn gar fünf Nationalitäten aufeinandertreffen?
Dorm 1, Bett 2: Das einzig unbezogene im Raum. Die Sonne scheint durch das weit geöffnete Fenster in das Zwölf-Bett-Zimmer. Keiner da, trotzdem brennt das Licht in einem der drei Baderäume, Koffer stehen im Weg. Irgendwo fegt eine leichte Böe eine Tüte vom Bett. Kekse aus Südkorea waren da mal drin. Auf dem Tisch liegt ein Knäuel abgezogener Bettwäsche, darauf thront ein mit Joghurt beschmierter Teelöffel. Der Duschabzug brummt und immer noch ist keiner da. Langsam bekomme ich Hunger.
Der Speisesaal ist überlaufen, alle drängeln sich in Richtung Buffet. Schnitzel, Buttergemüse und Kartoffelbrei stehen heute auf dem Plan. Beim Essen scheiden sich bekanntlich die Geister. Trotzdem scheint es allen zu schmecken. Selbst den Koreanern, die sich schmatzend am Salat erfreuen.
Anders als in Europa kann das Essen in vielen asiatischen Ländern recht geräuschvoll sein. Wem es schmeckt, der zeigt das auch. Manchmal sogar recht offensichtlich seinem Tischnachbarn.
Wer sich entschließt in einem Großraumzimmer in einer Jugendherberge zu übernachten, mag es entweder multikulturell oder möchte sparen. Oder beides. So wie die Freundinnen Adriana (19) und Mikele (20) aus Spanien. Schon seit Kindertagen kennen sich die jungen Frauen und reisen nun gemeinsam in ihren Ferien. Weil Kroatien ihnen zu teuer war, wurde es letztlich ein Trip durch Deutschland. Mit einem Sonderticket der Bahn geht es nun schon seit mehreren Tagen durch alle größeren Städte, angefangen in Frankfurt und München, weiter nach Berlin und Bremen. Berlin, so die beiden, sei ihnen aber bislang als Stadt am unfreundlichsten. Kaum einer bietet Hilfe an und Kommunikation scheint der Schnauze an der Spree nicht Freund zu sein. Umso mehr freuen sie sich über die freundliche Atmosphäre im Dorm der Jugendherberge Berlin|International, wobei ihnen die Koreaner nicht ganz geheuer zu sein scheinen.
Während Adriana und Mikele erzählen, packen sie ihre große, rote Netto-Tüte aus. Zum Abendbrot gibt es Brot und Aufstrich. Das war die preiswerteste Alternative.
Ein schweres Parfum wabert durch den stickigen Raum. Aus einer Ecke lässt Adriana gekonnt, und umso schöner für nicht gewohnte Ohren, das R im spanischen Redefluss rollen. Pläne werden für den Abend geschmiedet. Bar oder Club? Aber erst mal eine rauchen. Verwunderlich, meinen die beiden, dass Alkohol auf offener Straße getrunken werden darf, man zum Rauchen aber nach draußen gehen muss.
Umso mehr genießen die beiden Amerikaner aus Seattle, die gerade erst nach einem 15-Stunden-Flug in Berlin gelandet sind, ihr deutsches Bier. In ihrer Heimat wären sie dafür noch zu jung. Die beiden mussten sich nicht einmal vorstellen, um als Amerikaner erkannt zu werden: Mütze, Sweatshirts mit Highschoolaufdruck, kurze Hose und Stoffschuhe – egal bei welchen Temperaturen. Sie reden nicht viel, duschen dafür aber umso länger. Im Laufe des Abends stellt sich heraus, dass die beiden zum ersten Mal nach Europa geflogen sind und sieben Länder bereisen wollen. Es sei ein Geschenk zum Schulabschluss gewesen. Während sie erzählen, fliegen die Pfandflaschen in den Müll. Pfandsystem kenne man dort nicht, erzählen sie. Und um die acht Cent lohne es sich nicht.
SKA-P schallt aus einem Handy, Adriana singt dazu. Ihren Föhn hat sie gerade Svea, einer Hamburgerin, verliehen. Für vier Tage ist Svea zu einem Bewerbungsverfahren nach Berlin an die Universität der Künste gekommen, gemeinsam mit ihrer Freundin Larissa. Zusammen mit Sasha, dem Kanadier, waren sie schon gemeinsam auf einem Flohmarkt. So etwas, meinte er, würde man in Kanada nicht finden.
Dann, das Schloss knackt und das eine ziemliche Weile. Die Amerikaner sind nicht gewohnt, den Schlüssel nach rechts zu drehen. Unterdessen jongliert Svea um sich von dem Prüfungsstress abzulenken.
Nach einer Weile kommt Sasha dazu. Er ist 19 und studiert Kulturwissenschaften in Kanada. Im Moment aber gönnt er sich eine viermonatige Auszeit und bereist Europa. Das Geld dafür hat er sich mühsam neben seinen Vorlesungen in einem Versandhaus erarbeitet, einen Teil bezahlen seine Eltern. Er will neue Gesichter sehen und die Geschichten der Menschen kennenlernen. Vielleicht fängt er auch an, nebenbei einen Blog zu schreiben. In den journalistischen Bereich möchte er gerne nach seinem Studium gehen, es sei aber schwer, so erzählt er, in Kanada in eine Redaktion zu kommen.
„ … Und wir trinken literweise Bier“. Das WM-Spiel ist vorbei. Die Stimmen dringen von draußen in den Raum. Mir fällt auf, dass keiner das Licht in den Baderäumen ausmacht, außer die Deutschen. Währenddessen versucht Sasha seine neuen Schuhe loszuwerden. Er habe sie sich zu klein gekauft. Letztlich landen sie im Müll.
Die beiden Amerikaner kommen zurück. Die Bierflaschen klappern in ihren Rücksäcken. Sie wollen schlafen, legen sich in die unbezogenen Betten. Die Klamotten bleiben an, selbst die Mütze wird nicht abgesetzt.
Ah, das ist Dennis. 22 und Bankkaufmann. Vor kurzem wurde er ins Stadtparlament gewählt, erzählt er. Um sich darauf vorzubereiten, macht er gerade ein Praktikum im Bundestag. Morgen wird er Frau Merkel in der Fraktionssitzung treffen. Ein wenig nervös sei er deswegen schon.
Jemand habe sich in sein Bett gelegt, erzählt er. Da habe er es einfach neu bezogen und den Knäuel alter Wäsche auf den Tisch gelegt. Sein Anzug hängt schon an dem Bett, als er sich endlich schlafen legt. Zuvor war er noch im Kino. Einen Frauenfilm habe er gesehen, so erzählt er. Irgendwo neben ihm schluchzten die Damen ins Taschentuch. Das war ihm allerdings egal – Hauptsache, er konnte sich einen Moment von der langen Zugfahrt nach Berlin erholen.
Wer reist, der sieht. Der riecht. Der hört Dinge, die ihm neu sind. Und vor allem trifft er Menschen. Er arrangiert sich. Und sieht es als Chance, das Neue zu entdecken.
Eine Nacht im Dorm unter fünf Nationalitäten war laut, zum schmunzeln, keinesfalls gewöhnlich und oftmals überraschend. Man sah die Feinheiten der einzelnen Charaktere und fand heraus, wie gleich doch im Grunde alle waren. Das Ungewöhnliche wurde gewöhnlich und ließ erste feine Stränge von Freundschaft zeichnen. Eine Nacht von vielen. Eine Gruppe Menschen von vielen. Und doch der Multiplikator für Offenheit und Neugier.
Text und Fotos: Sophia Wilk
Die Jugendherberge Berlin|International, in der Nähe des Potdamer Platzes, nimmt insbesondere im Sommer Leute aus unzähligen Nationen auf. Habt ihr auch schon Erfahrungen mit internationalen Leuten gemacht. Vielleicht sogar länger als nur an einem Tag?
Kommentare
Da freu mich auch schon drauf
Da freu mich auch schon drauf so was zu erleben :)
Schöner Text
Ich finde ja solche Begegnungen auch deswegen schön, weil man nicht nur neue Leute und deren Kultur kennenlernt, sondern auch durch diese Leute nen neuen Blickwinkel auf die eigenen (selbstverständlich gewordenen) Gewohnheiten bekommt.
Ja, das finde ich auch das
Ja, das finde ich auch das schöne daran, wenn man in Jugendherbergen oder Hosteln übernachtet. Man trifft wirklich die Unterschiedlichsten Leute aus allen Möglichen Ländern.
Cooler Text - schön ist es
Cooler Text - schön ist es auch, wenn man einer internationalen Gruppe seine Stadt zeigen kann. Macht Spaß!
Schließ mich an
Schließ mich Piet an - find's sehr gelungen ;o)
Lob!
Interessanter Text! Ich glaube man muss länger zusammen auf Reisen sein, um richtig Freundschaft zu schließen. Aber mir ging es so dass Freundschaften über Grenzen hinweg oft intensiver sind. Mal schauen ob das anhält...
Schöner Artikel!
Kommt mir bekannt vor! 2006 war ich auch mit einer Freundin in dieser JH und wir haben eine Menge Leute kennen gelernt. Mädels aus Korea und Studenten aus Argentinen und Chile. Doch am besten waren Dani und Manulito - wie er von Dani genannt wurde. Wie er richtig hieß? Hab ich vergessen. Aber toll war's. Wir haben uns gegenseitig wichtige Flirtsprüche beigebracht. Wir ihnen auf Deutsch und sie uns auf Deutsch. "Duuu ccchhh-ast s-cccch-öne Au-cccch-en". Du hast schöne Augen. Ich werd's nie vergessen und muss heute noch über das Video lachen, dass wir gemacht haben, als wir uns an der fremden Sprache versucht habe. Ich kann angeblich das R nicht rollen und werd's nie lernen :-)
Schöne Zeit - wirklich schön!
Glück für Berlin ;-)
Hi Sylvia, da kann Berlin sich ja glücklich schätzen, dass es bei dir so einen guten Eindruck hinterlassen hat, dass du gleich hingezogen bist! LG Markus