Im Zentrum der Diskussion steht das Thema studentische Mitbestimmung und der Bildungsstreik im vergangenen Jahr. Zentrale Fragen sind: Können heuige Proteste an die Erfolge der Achtundsechziger anknüpfen? Haben wir überhaupt Gründe, um auf die Straße zu gehen? Und: Bringt studentischer Protest etwas – oder nicht?
Die Pro-Fraktion: „Ja, wir haben etwas bewegt!“, Jan Kossick, 25, studiert Informatik im achten Semester, Mitglied im StuRa, Mitorganisator des Bildungsstreik und im Zuge dessen Hausbesetzer, Daniel Relder, 24, studiert Wasserwirtschaft im ersten Semester, engagiert sich genauso wie Jan.
Jan: Protest ermöglicht durch zivilen Ungehorsam Druck auszuüben, um die langen Wege der Politik und der studentischen Selbstverwaltung etwas schneller in Bewegung zu setzen.
Die Kontra-Fraktion: „Streik führt zu nix. In studentischen Gremien finden wir genug Mitbestimmung!“, Marcel Sauerbier, 19, studiert im dritten Semester Biologie, Mitglied in folgenden Gremien: FSR, StuRa, Prüfungskommission, etc., Sebastian Theodor Hübner, 20, Maschienenbauer im dritten Semester, ist im FSR, StuRa, FakRa, etc.
"Kontra Bildungsstreik" - Rechts: Marcel Sauerbier, 19, links: Sebastian Theodor Hübner, 20
Sebastian: Ich verstehe, warum es Proteste gibt, einiges liegt im Argen. Aber gerade ziviler Ungehorsam belastet die zarten Pflänzchen der Kommunikation zwischen Studenten, Selbstverwaltung der Universität und Ministerien. Es wurde lange am guten Verhältnis zwischen Studenten und Professoren gearbeitet. Nun müssen wir uns vor unseren Profs für das rechtfertigen, was die Protestierenden machen. Das belastet.
Wir können relativ viel über die studentischen Gremien bewegen.Sich mit zivilem Ungehorsam am Rande der Legalität zu bewegen ist nicht der richtige Weg. Gegen Verhandlungen und Demonstrationen innerhalb der vorhandenen Institutionen und Möglichkeiten habe ich nichts.
Daniel: Mit den Protesten hat sich aber das Meinungsspektrum deutlich erweitert. In den letzten Monaten wurden gerade dadurch frische Ideen in die Gremien getragen. Dort weiß man nun viel genauer, wo die Defizite liegen. Wir haben große Schritte nach vorn gemacht. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir uns an die traditionellen Wege der studentischen Mitbestimmung gehalten hätten.
Marcel: Die Uni-Leitungen haben uns nur, um uns ruhig zu stellen, zu Gesprächen gebeten. Die Politik verteilt kleine Trostpflaster, hebt die BAföG-Sätze etwas an und hier und da wird ein neues Gesetz beschlossen, das die Situation nicht verändert. Erschreckenderweise geben sich die meisten von uns damit zufrieden. Die Proteste sind abgeebbt. Anstatt sich langfristig in den Gremien einzubringen, gab es einen kurzen Aufschrei. Viel Tamtam um nichts. Zum Glück sitzen jetzt wenigstens ein paar mehr im StuRa und FSR.
"Pro Bildungsstreik" rechts: Jan Kossick, 25, links: Daniel Relder, 24
Daniel: Das Ergebnis der Proteste ist also, dass die Leute sich nun in Gremien engagieren. Das war doch eines unserer Ziele! Wir wollten keine Lösungen erarbeiten, sondern auf die Probleme aufmerksam machen, ein politisches Bewusstsein schaffen! In der Hinsicht hat der Bildungsstreik einiges gebracht. Marcel: Du sagst, ihr habt ein politisches Bewusstsein geschaffen – aber wir haben die geringste Wahlbeteiligung seit langer Zeit. Es ist schwer, genug Kandidaten für unsere Plätze zu finden. Es ist toll, dass der harte Kern aus den Protesten sich nun einbringt, aber das ist nicht die Masse der Studenten.
Jan: Eine gewisse Politikverdrossenheit kann man in ganz Deutschland feststellen. Aber deswegen einfach die Mitbestimmung auf- und sich in eine Diktatur des Rektorats zu begeben, geht nicht.
Sebastian: Es ist erschreckend, dass junge Menschen, die politisch engagiert sein sollten, die idealistisch sein sollten, nicht wählen.
Daniel: Vielleicht ist es aber auch das Problem unserer Generation, dass man gar nicht mehr die Zeit bekommt, sich zu engagieren. Man wird gezwungen, sein Studium innerhalb von fünf Jahren durchzuziehen. Einem wird immer wieder vor Augen gehalten: Wenn du dich nicht dem System anpasst, dann wird aus dir nichts! Und natürlich tun deshalb die meisten Studenten nur noch ausschließlich etwas für ihren Studium – zwölf Stunden am Tag. Da bleibt keine Zeit, sich politisch zu engagieren. Langfristig aber werden sich die Leute mit der Sache auseinandersetzten müssen, weil es sie selbst unmittelbar betreffen wird. Spätestens dann wird ein Ruck durch die studentische Gesellschaft gehen.
"Kräftemessen" - aber handgreiflich wurde es nur fürs Foto
Marcel: Ich wünschte du hättest Recht. Ich überarbeite gerade die Studienordnung, meine Kommilitonen können sich Wahlpflichtmodule wünschen. Sie können mir sagen, was sie interessiert und ich nehme es in den Katalog auf. Ich habe einen einzigen Vorschlag bekommen. Und das, obwohl fünf meiner Kommilitonen bei den Protesten aktiv waren. Selbst von denen kommt kein Input.
Deshalb gehe ich den Weg der Gremien. Das dauert zwar sehr lange, bis man da Veränderungen sieht, aber der Mensch hat ja auch 300 Millionen Jahre gebraucht, um aus einem Einzeller zu entstehen ... Gremienarbeit ist mühsam! Manch eine Fachschaft interssiert sich aber leider nur für Parties und Kuchenverkauf.
Marcel: Mit den Protesten haben wir erreicht, dass die Medien sich über unserem kleinen Unikosmos das Maul zerrissen oder auch positiv berichtet haben. Der Streik war wochenlang das Thema. Mehr kann man mit so einem Protest auch gar nicht erreichen. Besser hätte es nicht laufen können!
Sebastian: Der Leidensdruck ist in Deutschland noch nicht groß genug. Wir meckern auf einem sehr hohen Niveau. Uns geht es vergleichsweise gut. Als Gremienvertreter frage ich mich da selbst manchmal, ob ich es nicht einfach lassen sollte. Wozu gebe ich meine Energie dazu her, Verbesserungen für Leute zu erkämpfen, die das gar nicht interessiert? Wieso lasse ich sie nicht einfach in ihr Verderben rennen, damit der Leidensdruck so groß wird, dass sie sich selber kümmern. Viele belastet der Zeitaufwand für das Studium, aber bei den meisten ist es noch nicht so schlimm, dass sie auch etwas dagegen tun. Das liegt in der Natur des Menschen: Er ist einfach faul. In Frankreich hingegen sind die Zustände viel schlimmer. Außerdem sind Proteste im Land der Revolutionen einfach in der Mentalität verankert, da brennen dann schnell mal Autos. Die Deutschen sind nun einmal das Land des Kaisertums und der Obrigkeitstreue.
Jan: Der Großteil der Bevölkerung versteht überhaupt nicht, warum Studenten protestieren. Von außen sieht es so aus, als wäre alles in bester Ordnung. Die Studenten selber erkennen die Gefahren nicht, lassen erst einmal alles weiterlaufen – bis es zu spät ist. Bis man dasteht wie die Grundschullehrämtler, die keinen Master haben und deshalb nicht zu Ende studieren können.
Marcel: In dem Punkt fehlt einfach die Solidarität. Die Nichtstudenten regen sich lieber auf, anstatt zu bewundern, dass wir für unsere Ideale einstehen. Wenn zum Beispiel auch die Arbeiter gestreikt hätten, hätten die Proteste eine völlig andere Wirkung gehabt. So waren es eben „nur“ Studenten.
Sebastian: Studenten haben keine Lobby. Die späteren Arbeitgeber wollen keine Intellektuellen sondern Fachidioten haben. Und dazu macht uns der Bachelor.
Daniel: Momentan schwimmen wir einfach sehr in unserem eigenen Saft. Wir haben keine gesellschaftlichen Themen aufgegriffen, wie die Achtundsechziger, sondern nur unsere eignen Missstände behandelt. Damit können wir nicht die breite Masse erreichen. In Zukunft werden sehr viele neue Probleme aufkommen, mit den Studentenprotesten haben wir gute Vorarbeit geleistet, diese zu bewältigen.
Sebastian: Aber wer beschäftigt sich denn jetzt noch, ein halbes Jahr nach den Protesten, noch außerhalb der Universität damit?! Auch viele Studenten haben nie genau verstanden, worum es bei den Protesten geht. Ingenieursstudiengänge waren schon immer sehr verschult. Deshalb sollte man schon genau formulieren, was man fordert, welche Lösungsansätze es gibt. Und eben nicht nur dagegen sein.
Ein paar Erklärungen zum studentischen Fachjagon: Die studentischen Gremien sind im Hochschulgesetz festgelegt. Sie dienen der Mitbestimmung. Im FSR, dem Fachschaftsrat, treffen sich Studierende einer Fachschaft - zum Beispiel Informatik oder Biologie. Als nächst höhere Instanz kommt der StuRa - der Studentenrat. FakRa steht für Fakultätsrat. Dort treffen sich Studierende, Lehrende und Angestellte einer Hochschule. |
Lisa Hoffmann hat das Gespräch aufgezeichnet und alle Bilder gemacht.
Kommentare
"Deine Augen im Spiegel sind
"Deine Augen im Spiegel sind genauso frustriert, als hättest du dich politisch engagiert."
DIE STERNE.
In echt ist es aber gar nicht so schlimm, viel klein klein aber mit spannenden Leuten, die man kennelernt.
Findest du denn tobi-tob
dass sich was bewegt hat? Hab bisher auch noch nicht so wirklich Nachhaltiges gehört... Aber ich bin da auch etwas weiter weg...
Braucht es Gewalt?
Ist vielleicht etwas krass, aber ich denke, dass heutzutage sich nichts mehr ohne Gewalt bewegt. Das soll jetzt kein Aufruf dazu sein, aber ohne krasse Maßnahmen, die die Medien un Politik aufmerksam machen, läuft nichts. So war es ja auch 1968.
Gewalt
Ich glaube kaum, dass Gewalt in dem Punkt angebracht gewesen wäre. Aufmerksamkeit haben die Streiks auch so erregt, wurde ja genug in den Medien berichtet. Es ist bloß das Problem, dass das Thema so schnell in der Versenkung verschwindet und sich an oberster Stelle nichts tut...
Warum verschwindet es denn in der Versenkung?
Weil es eben keine krassen Zwischenfälle gibt, die nachhaltig das Thema in den Medien halten.
@Martin_1982
Meinst du wirklich, gewalttätige Aktionen hätten das Thema länger in den Medien gehalten? Ich bezweifle es. Ich denke eher, es hätte den Ruf vieler Studenten geschadet und sie in nem zu schlechten Licht dastehen lassen. Vielleicht bin ich da idealistisch, aber seine Ziele sollte man auch auf friedliche Art und Weise erreichen können.
Ja vermutlich
Wenn man da grad mal an die Pilotenstreiks der Lufthansapiloten denkt... Das zieht ganz andere Wellen anch sich, weil so viele Passagiere betroffen sind, die sich ärgern, nicht an ihren Arbeitsplatz etc kommen und das ganze somit auch die Wirtschaft zwangsläufig betrifft... obwohl es heißt "der volkswirtschaftliche Schaden des Ausstands hält sich in Grenzen"...
Kontroverses
Statement. Ich sehe deinen Punkt und stimme dir in soweit zu, dass die Gesellschaft sich leider Gottes eigentlich nur bewegt, wenn etwas wirklich Krasses passiert. Sieht man ja auch im kleinen in Vancouver mit dem Rodler. Es muss erst jemand sterben, bevor die Bahn entschärft wird. Im Großen ist das halt auch so.
Schrecklich diese Diskussion!
Gewalt bringt nichts! NIE!!!!!
Aber ich gebe dir in einem Punkt Recht, man sieht es ja gerade bei den LH-Piloten. Das ist eine der privilegiertesten Berufsgruppen überhaupt, die jammern auf einem pervers hohen Niveau. Die Allgemeinheit hat kein Verständnis für deren Streik, aber weil halt so viele Menschen davon abhängig sind und die LH hohe Verluste riskiert, bekommen diese Leute was sie wollen.
Solch eine Power haben Studenten nicht. Und genau da liegt das Problem, das auch durch Gewalt nicht gelöst wird.
Geht nur ums Geld, nicht um Bildung
Es geht immer nur um die Kohle. Jeder macht sich irgendwie die Taschen voll. Solange sich die Industrie nicht auf die Seite der Studenten stellt, bewegt sich da gar nichts, genau wie beim Klimaschutz!
Vielleicht sollte positiv
Vielleicht sollte positiv bewertet werden, dass sich auch Professoren oder Dekane gegen das aktuelle System ausgesprochen haben. Dadurch wird vielleicjt mehr erreicht als nur durch die protestierenden Studenten... Bin mir aber wirklich nicht sicher, ob dem so ist...
zum positiven
die Frage ist ob die Professoren und Dekane denn auch in ihren Ausschüssen und Gremien in denen sie darüber sprechen auch den Arsch in der Hose habe, um den gewissen Leuten vom Kultusministerium contra zu geben. Zu hoffen wäre es!
Keine Meinung
Hab mich da irgewndie gar nicht so richtig mit beschäftigt - halt mich daher raus, weil keine Meinung...
Contra
Das hat doch gar nichts gebracht. Wir haben da an der Schule drüber diskutiert. Das war doch alles viel zu unentschlossen man hat sich abspeisen lassen. Aber was soll es auch bringen, wenn Studenten streiken. Die produzieren ja nichts. Die Müllabfuhr hat mehr Macht durch einen Streik als die Studis.
Hm...
Also ich bin noch irgendwie unentschlossen, wie ich zu den Streiks stehen soll. Ob sie was gebracht haben sieht man vermutlich erst in einigen Jahren. Und irgendwie scheint mir das Thema Bildung auch wieder ziemlich aus dem Fokus gerückt, nicht dass es wieder heimlich in Vergessenheit gerät... Oder seht ihr schon, dass sich auf Grund der Proteste konkret etwas tut?
Leider lässt sich die
Leider lässt sich die Studentenbewegung atomisieren, also wenn sich etwas tut ist es oft auf lokaler Ebene ein zwei Räume mehr. 2009 gabs Ansätze das zu überwinden. Fand ich gut!
Auch pro
Ich seh das auch so, dass sich ein Bildungssystem nicht von heute auf morgen ändern wird und kann, aber die Proteste waren nötig. Und wenn sie nur die Studenten und die Verantwortlichen aufgerüttelt haben, dann hat es schon was gebracht. Einfach um zu zeigen, dass man sich nicht mit den Umständen zufrieden gibt und bereit ist, sich für seine Interessen einzusetzen.
Bildung braucht Zeit!
Das haben auch die streikenden G8 Gymnasiasten in Bayern deutlich gemacht. Ansonsten bin ich ganz bei Daniel - also PRO !