Michael Wigge ist der Indiana Jones unter den Reisejournalisten. Jede seiner Sendungen verspricht humorvolle Abenteuer – erst reiste er ohne Geld um die Welt und nun tauschte er sich mit einem Apfel von Mainz bis zu einem noch geheimen Besitz auf Hawaii. Was er auf seinen Reisen erlebt und wie man auf solche Ideen kommt, verriet er im Youpodia-Interview.

Du bist erst ohne Geld um die Welt gereist und nun hast du dich nach Hawaii getauscht. Wie kommst du auf solche Ideen?


Ich mache ähnliche Geschichten schon länger. Erst im Radio und dann bei MTV hatte ich immer Formate, bei denen es um Herausforderungen ging. Ich bin zum Beispiel mal mit einem weißen Anzug zum Tomatenfestival nach Bunol in Spanien gereist. Aufgabe war es, die Tomatenschlacht ohne große Flecken auf dem Anzug zu überstehen. Zu diesen skurrilen Geschichten kommt natürlich noch meine Reiseleidenschaft, die ich als Journalist immer gut ausleben konnte. Daraus haben sich die beiden letzten Projekte irgendwie entwickelt.

Wie kriegt man denn solche Ideen beim Sender durch?


Die Reise ohne Geld habe ich einfach auf gut Glück gemacht. Erst hinterher kam das ZDF auf mich zu und wollte die Geschichte in mehreren Teilen senden. Weil das recht erfolgreich lief, war es mit der Tauschidee kein Problem mehr. ZDFneo hat mir die Reise bezahlt und mich mit der Kamera beim Hochtauschen begleitet.

Dann warst du also nicht mehr allein, wie auf der ersten Reise?


Genau, ich hatte dieses Mal ein zweiköpfiges Kamerateam dabei. Ich war sehr dankbar für die Unterstützung, denn immerhin war es schon eine ordentliche logistische Arbeit, gerade wenn man zwischen verschiedenen Kontinenten mit immer größeren Tauschgegenständen reist.

Wie verändern sich die Begegnungen mit den Menschen durch das Kamerateam, das du dabei hast?


Für das Tauschspiel war es eigentlich ein Vorteil, weil mehr Leute bereit waren mitzumachen. Natürlich gab es auch Menschen, denen die Begegnungen durch das Kamerateam zu unprivat waren. Darum waren auch nicht immer beide Begleiter dabei.

Was war dein absolutes Highlight auf der Reise?


Das ist ganz schwer zu sagen, es gab sehr viele tolle Momente. Ich habe ja 14 Länder in den 200 Tagen bereist. Die USA gefallen mir persönlich sehr und New York ist jedes Mal ein absolutes Highlight. Ich bin in einem Superman-Kostüm durch die Stadt gelaufen, um die Leute zum Tauschen anzuregen. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Toll war es aber auch in Brasilien, dort habe ich deutsche Aussiedler besucht. Ihr Dorf gibt es seit 1860, bis heute spricht man dort Deutsch und trägt bayerische Trachten. Afrika ist natürlich immer sehr spannend, gerade weil man dort die Tauschkultur verschiedener Volksstämme erleben kann. Du merkst schon, ich kann mich auf das eine Große nicht ganz festlegen.

Gab es auch gefährliche Situationen?


In Australien musste ich eine Mutprobe erfüllen, um tauschen zu können. Ich sollte ein Krokodil füttern. Es war zwar ein Süßwasserkrokodil und deshalb verhältnismäßig ungefährlich, aber trotzdem hatte ich dabei schon ordentliche Angst. Auf der anderen Seite war ich in Tansania und wollte dort einen Edelstein tauschen. Dabei ging die Gefahr eher von dem etwas zwielichtigen Händler aus. Trotzdem bin ich ja glücklich und heil zurückgekehrt.

Gab es Momente, in denen du alles hinwerfen wolltest?


Nein, wenn man so ein Projekt annimmt, muss man das auch durchziehen. Abbrechen war deshalb nie eine Option für mich. Aber es gab natürlich auch härtere Phasen der Reise. In Indien zum Beispiel habe ich mich Aussteigern angeschlossen, die viel erzählt haben aber nichts halten konnten. Wenn man dann einfach mal vier, fünf Tage verschenkt, ist man sehr frustriert.

Wie gehst du eigentlich mit der Armut um, der du auf deinen Reisen begegnest?


Das kann schon ein schmaler Grad sein, gerade wenn man zwischen der Ersten und Dritten Welt reist. Aber ich habe die Situationen ganz dokumentarisch aufgegriffen. Zum Beispiel war ich im größten Slum Indiens und habe professionelle Tauschhändler bei ihrer Arbeit begleitet. Dort habe ich viel über das Tauschen gelernt und zeige gleichzeitig auch die Bilder von unserem Luxusschrott, der dort für 25 Cent pro Stunde recycelt wird. Diesen sehr surrealen Austausch zu zeigen, war mir sehr wichtig.

Also hat das ganze Format auch einen gewissen dokumentarischen Anspruch?


Ich glaube, das Format „Tauschrausch“ hat zwei Eigenschaften - auf der einen Seite ist es spannend und lustig und auf der anderen Seite gibt es auch die dokumentarische Ebene. Darauf hat auch der Sender sehr großen Wert gelegt. Zum Beispiel erkläre ich in dem Beitrag über Tansania auch das Phänomen der Armut vor Ort. Es wäre fatal als Journalist durch die Länder zu reisen, ohne auch solche Themen anzusprechen.

Welche Tipps würdest du denn nach deinen ganzen Reisen jungen Menschen mit Fernweh geben?


Ich will gar keine konkreten Reise- oder Tauschtipps geben, sondern lieber dazu aufrufen, die eigenen Träume zu verwirklichen. Ich wollte immer die Antarktis sehen, leider fehlt mir das Geld dazu. Ich habe es einfach mal ohne probiert und es hat geklappt. Es können auch ganz kleine Träume sein, wichtig ist nur, dass man ihnen nachgeht. Es heißt so oft „du darfst nicht“ und „du musst“ - mein Rat ist es, einfach häufiger Dinge auszuprobieren.

Aber funktionieren Dinge wie Tauschen oder ohne Geld unterwegs sein auch auf normalen Reisen?


Solche Anfragen bekomme ich häufig und den jungen Menschen schreibe ich dann immer kleinere Tipps. Es gibt viele Wege günstig die Welt zu sehen, zum Beispiel mit Couchsurfing oder durch Work and Travel. Wir haben das Glück in einem Land zu leben, von dem aus wir die ganze Welt bereisen können. Das ist nicht selbstverständlich und deshalb mein Rat: Wenn ihr die Welt sehen wollt, dann solltet ihr das machen.

Bietest du dein Sofa Couch-Surfern an und stehst als Tauschpartner zur Verfügung?


Ich habe ein Profil bei der Couchsurfing-Community und habe das ungefähr 50 Mal in meinem Leben gemacht. Davon war ich wohl 2/3 unterwegs und 1/3 habe ich meine Couch zu Verfügung gestellt. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich dazu Zeit habe, zeige ich den Leuten auch Berlin. Und tauschen würde ich auch, jedenfalls wenn sich was Passendes findet - einen Apfel direkt gegen ein Haus zu tauschen, wäre sicher schwer. (lacht).

Bestehen noch Kontakte zu den Menschen, denen du auf deinen Reisen begegnet bist?


Zum Teil. Durch meine Reisen ist es etwas schwer, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Bei meiner ersten Reise habe ich zum Beispiel den Obdachlosen Josef in Albuquerque kennengelernt. Er lebt inzwischen nicht mehr auf der Straße und wollte, dass ich ihn besuche. Bisher habe ich das leider nicht geschafft, vielleicht war der Kontakt für eine echte Freundschaft auch zu kurz. Aber generell hält man natürlich zu den Bekanntschaften schon Kontakt per Mail, Telefon oder Skype.

Kannst du noch normalen Urlaub im Hotel machen?


Ich bin generell nicht der Reisebüro-Typ, immerhin entspringen die Ideen für die Reisen aus meinem Privatleben. Ich bin eher der Typ für Couchsurfing und für spontane Reise-Ideen. Außerdem ist die Übernachtung bei Freunden generell spannender als die im Hotel.

Hat sich dein Verhältnis zu Geld verändert?


Gerade durch das Tauschen mache ich mir mehr Gedanken über den wirklichen Wert von Dingen. Ich muss ja immer aufpassen, dass ich nicht schlechter dastehe als vor dem Tauschhandel. Die Eigenschaften des Produktes stehen für mich jetzt mehr im Vordergrund als der reale Preis. Aber ich muss auch sagen, dass ich nach beiden Projekten froh war, wieder zu Hause zu sein und einfach Geld ausgeben zu können.

Im NDR Fernsehen gibt es noch das Format in 80.000 Fragen um die Welt und bei ZDFneo eben deine Sendung. Ist das die neue Form des Reisejournalismus?


Ich finde die neuen Formate super. Ich habe vor zehn Jahren in England Film studiert und dort gab es schon immer Video-Journalisten, die mit ihrer Kamera als Entdecker durch die Welt getourt sind und sehr unkonventionell berichtet haben. In diese Richtung geht es endlich bei uns auch.

Wie wird man eigentlich Reisejournalist?


Erstmal muss ich eine kleine Illusion nehmen, beim Reisejournalismus verdient man nicht nur mit Urlaub sein Geld, sondern es kann schon sehr anstrengend sein. Wenn man wirklich Reisejournalist werden will, kann ich nur raten sich zu überlegen, für welche Medien man arbeiten möchte. Radio ist zum Beispiel sehr schwer, Reisegeschichten ohne Bild sind sehr anspruchsvoll. Am besten ist einfach mal ein Praktikum zu machen. Ich war auch erst beim Musikfernsehen und bin erst im Laufe der Zeit in die Reiseschiene gerutscht.

Greifst du eigentlich bei der Vorbereitung deiner Reisen eher zum klassischen Reiseführer oder informierst du dich auch über Blogs?


Ich hänge etwas hinten dran und habe eher 40 Reiseführer zu Hause. Ich müsste mich eigentlich viel mehr durch Blog informieren. Allein die Fülle an Blogs kann eine größere Vielfalt bieten als ein einzelner Reiseführer.

Hast du schon eine Idee für die nächste Sendung im Kopf?


Also erstmal waren natürlich meine beiden letzten Projekte sehr zeitintensiv und darum wird es jetzt ein wenig ruhiger. Eine weitere Idee liegt aber in der Schublade und es geht wieder um Herausforderungen. Mehr will ich nicht verraten.

Ausgestrahlt wird die Sendung „Tauschrausch“ auf ZDFneo immer samstags von 19.30 bis 20.15 Uhr.