Wer häufiger in Deutschland mit Regionalbahnen unterwegs ist, dem sind die vielen kleinen Bahnhöfe aufgefallen, die meist aus einem Unterstand, einem Fahrkartenautomaten und zwei Bahnsteigen bestehen. Viel scheint dort nicht los zu sein. Das ist zumindest der Eindruck, den man als Bahnfahrer erhält, wenn man schnell zum Ziel kommen will und von den vielen Zwischenhalten genervt ist.

Umso spannender ist es, bei einem solchen Zwischenhalt auszusteigen und sich umzuschauen. Genau das habe ich getan! Mein Ziel war die kleine Gemeinde Hövelhof, die an der Bahnlinie zwischen Paderborn und Bielefeld liegt. Im Zentrum des unscheinbaren Ortes finden sich mehrere Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Gegenüber der Kirche steht ein schmuckes Fachwerkhaus, das vom Hinweisschild als „Jagdschloss“ ausgewiesen wird

Vom Bahnhof in die Natur

Um Hövelhof und seine Umgebung kennenzulernen, habe ich mir den Rundwanderweg Emsquellen-Wanderweg auf regio.outdooractive.comherausgesucht. Er ist in etwa 18 Kilometer lang und soll alle wichtigen Sehenswürdigkeiten der Region miteinander verbinden. Die Gemeinde hat den Weg angelegt und beim Planen besondere Rücksicht auf Zugreisende genommen: Der Weg beginnt und endet direkt am Bahnhof. Von da aus durchwandere ich den Ortskern, lasse ihn aber bald hinter mir und tauche in einen lichtdurchfluteten Kiefernwald ab. Auf einmal bin ich allein, die Vögel zwitschern und hier und da raschelt es im Unterholz.

Im Hövelhofer Wald treffe ich auf eine große, alte Eiche, die 1871 anlässlich des Kriegsendes gepflanzt wurde. Die Gemeinde hat ihren Wanderweg jedoch nicht angelegt, weil sie einen alten Baum im Wald stehen hat. Hövelhof liegt in der 250 km² großen Kulturlandschaft Senne, die nicht nur durch Wälder, sondern auch durch artenreiche Heide-, Fluss- und Moorlandschaften geprägt ist. 

Kulturlandschaft Senne

Menschen haben sich lange Zeit kaum für die Senne interessiert. Erst im 12. Jahrhundert begann die Bewirtschaftung durch Abholzung und Viehherden. Dörfer bildeten sich hingegen noch später, nämlich im 17. Jahrhundert. Die Menschen fällten die Bäume und verwandelten die Naturlandschaft in eine waldarme, weiträumige Heidelandschaft. Die Senne blieb dennoch ein Gebiet, das für den Menschen aufgrund der nährstoffarmen Böden schwer zu bewirtschaften war. Die Lebensbedingungen waren schlecht, die Bevölkerung arm.

Im letzten Jahrhundert wurden die Heideflächen immer kleiner, bis sie zumindest teilweise unter Schutz gestellt werden konnten, um die Artenvielfalt zu schützen. Die schönsten, weiträumigsten Flächen der Senne bleiben für die Bevölkerung jedoch unerreichbar: Sie sind militärisches Sperrgebiet. Ein Truppenübungsplatz der britischen Streitkräfte nimmt fast fünfzig Prozent der Senne ein. Das sorgt einerseits dafür, dass die Senne weiterhin menschenfrei bleibt, andererseits kann man die Landschaft der Senne oftmals nur vom Maschendrahtzaun aus bewundern.

An der Ems entlang

Der Emsquellen-Wanderweg vermittelt jedoch einen Eindruck, wie es hinter dem Maschendrahtzaun aussieht. Er durchquert erst den Hövelhofer Wald und anschließend das Naturschutzgebiet Moosheide. Die Trampelpfade schlängeln sich über hügelige Dünen, führen an alten Backsteinscheunen, Bauernhöfen und Feldern vorbei und orientieren sich kilometerlang am Flussverlauf der Ems. Das ist der schönste Wegabschnitt: Man wandert rechts neben der Ems, die scheinbar planlos verläuft. Über dem Flussbett liegen kreuz und quer Baumstämme, als habe ein Riese Mikado gespielt.

Noch bevor ich bei den Emsquellen ankomme, befinde ich mich beim Informationszentrum mit Parkplatz und gastronomischen Betrieb. Eine kleine Ausstellung fasst die wichtigsten Informationen über die Region anschaulich zusammen. An dieser Stelle beginnt der Emsradweg, der nach 375 Kilometer an der Nordsee endet. Die Beschilderung nimmt schlagartig zu: Zwei Kilometer sind es bis zur Dokumentationsstätte Stalag 326, ein Katzensprung bis zu einer Metzgerei und um die Ecke sollen Wildpferde zu sehen sein.

Der Rückweg

Bei den Emsquellen mache ich auf dem Baumstumpf einer Kiefer Rast und trete anschließend die zweite Hälfte des Rundwegs an, der zurück zum Bahnhof führt. Dieser Teil führt erst über mehrere Heideflächen, dann durch Waldgebiete und schließlich an Wohngebieten vorbei. Die Wegführung macht einige Umwege, um die eine oder andere regionale Sehenswürdigkeit wie die Heidschnuckenschäferei zu würdigen. Wer lieber schnell zum Bahnhof möchte, kann Zeit sparen und Abkürzungen nehmen.

Nach der Wanderung sitze ich wieder im Zug und frage mich, ob sich hinter all den kleinen Bahnhöfen Deutschlands gut ausgeschilderte, abwechslungsreiche Wanderwege verstecken. Wenn dem so ist, dann bleibt noch viel zu entdecken.

Text und Foto: Markus Lauert