Pilgern zum Jakobsweg liegt immer noch im Trend: 2015 kamen 262.458 Pilger am Grab des Jakobus in Santiago de Compostela an. 10 Jahre zuvor waren es nicht einmal die Hälfte. Die meisten Pilger werden in Spanien wandern gewesen sein, denn die wenigsten wissen, dass es in ganz Europa ein altes Wegenetz gibt, dass auf die spanische Hauptroute führt. Es führt sogar durch die ganz abgelegenen Teile Deutschlands.

Von Kirchturm zu Kirchturm

Der Kreis Höxter ist definitiv abgelegen: Er ist das Gebiet mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte Nordrhein-Westfalens. Hier wohnen insgesamt so viele Menschen wie in einer durchschnittlichen, deutschen Großstadt. Eine sehr gute Gegend also, um sich auf einen Pilgerpfad zu begeben und Richtung Spanien zu wandern. Der Jakobsweg beginnt in der Kreisstadt Höxter, die durch ihre zahlreichen Fachwerkhäuser in der Innenstadt, den erhalten gebliebenen Stadtkern und das zum Weltkulturerbe ernannte Kloster Corvey definitiv einen Besuch wert ist. Übernachten könnt ihr in der Jugendherberge Höxter.

Etwas, was diesen Jakobsweg besonders attraktiv macht, ist die Zuganbindung. Ob Brakel, Bad Driburg, Paderborn oder Geseke: Die Etappen beginnen und enden in Bahnhofsnähe. Sowohl in Bad Driburg als auch in Paderborn gibt es Jugendherbergern, in denen ihr übernachten könnt. Zum Einstieg eignet sich die ca. 16 km lange zweite Etappe von Brakel nach Bad Driburg. Kurz beschrieben wird sie auf outdooractive.com.

Schon auf dem ersten Kilometer wird deutlich, was es heißt auf einem Pilgerweg unterwegs zu sein: Im kleinstädtisch verträumten Brakel führt der Weg von der Pfarrkirche St. Michael am Kloster Brede vorbei zum Rand der Stadt, wo schon die barocke Annenkapelle auf Wanderer wartet. Die Annenverehrung wurde in der Region lange Zeit mit großem Engagement betrieben, wovon noch heute der alljährlich stattfindende Annentag in Brakel zeugt.

Wo der Bärlauch blüht

Lässt der Pilger die Kapelle hinter sich, kommt er über gut ausgeschilderte Wege an dem Schloss Hinnenburg vorbei, das rechts von ihm auf einer Bergkuppe das Tal überblickt. Da es sich in Privatbesitz befindet, kann es leider nicht besichtigt werden. Der Weg taucht von nun an in tiefe Wälder ab. Auffällig sind im Mai die weitflächigen Teppiche aus Bärlauch, die die Pfade säumen. Mit einer Karte ausgestattet kann man auch auf die Suche nach Hügelgräbern gehen, denn unweit der Wege sollen sie verborgen sein. Dank des dichten Bewuchses sind sie jedoch schon im Frühsommer nur schwer auszumachen.

Auf der Emderhöhe, die ungefähr auf der Mitte der Strecke liegt, bietet sich zum ersten Mal ein Blick auf das Eggebirge und die vorgelagerten Berge und Täler des Oberwälder Landes. Irgendwo dort unten muss in einem Talkessel Bad Driburg liegen. Eine Sitzgelegenheit bietet sich hier leider nicht. Insgesamt sind sie rar gesät, was wohl daran liegt, dass der Pilgerweg ein wenig in Vergessenheit geraten ist und eher selten benutzt wird.

Zeichen der Landflucht

In Ahlhausen, einem kleinen Dorf nordöstlich von Bad Driburg, lässt sich erahnen, was es heißt, wenn ein Kreis zu den dünn besiedelten des Bundeslandes gehört. Häuser stehen leer, hier und da sieht man jemanden hinter den Gardinen der alten, umgebauten Bauernhöfe hervorschauen. Das Phänomen der Landflucht ist längst auch in Westdeutschland angekommen. Ansätze, dagegen vorzugehen, wurden vom WDR dokumentiert, sind aber letztlich nicht mehr als Pilotmodelle.

Trotzdem ist Ahlhausen ein hübscher, beschaulicher Ort, der eine kleine Kuriosität zu bieten hat: das Friedrich-Wilhelm-Weber-Museum. Weber gehört wohl zu den Dichtern, an die sich auch die fleißigsten Schüler nicht erinnern können. Es sei denn sie kommen aus der Nähe von Bad Driburg, denn hier wird die Erinnerung an den im 19. Jahrhundert beliebten, westfälischen Poeten aufrechterhalten. Wege sind nach seinen Werken benannt und hier und da findet sich auch eine Gedenktafel.

Ausklang im Kurpark

Hinter Ahlhausen folgt ein starker Anstieg auf den Rosenberg, der mit dem Blick zurück auf die Emder Höhe belohnt wird. Oben auf der Kuppe stehen ein Grabmal und ein Gedenkstein, die zwar gut gepflegt sind, mit ein bisschen Nebel aber eine gute Kulisse für einen Gruselfilm hergeben würden. Von nun an geht es bergab und die Etappe neigt sich dem Ende.

Am Rande von Bad Driburg kann man sich, wenn man noch Kraftreserven hat, die Beine im weitläufigen Kurpark vertreten. Das kostet zwar Eintritt, lohnt sich aber wegen des Wildgeheges und der schönen Gartenanlagen. Die Etappe endet stilecht vor der Kirche St. Peter und Paul. Wer die Nase voll von Kirchen, Kapellen und Klöstern hat, kann sich jetzt auch einfach ein Eis in der Innenstadt besorgen. Man hat es sich schließlich verdient.

Foto und Text: Markus Lauert