
Eine Beziehung, zwei Länder: Tobias, 22, studiert in London, seine Freundin Lena, 23, ist für ein Semester in Kalifornien. Hier berichten sie regelmäßig über ihr Leben, ihre Erlebnisse im Ausland und ihre Beziehung. Heute: Tobias blickt in die Zukunft.
Wenn mein iPhone mich morgens weckt, checke ich gleich das erste Mal am Tag meine Mails. Heute war eine Nachricht einer großen Unternehmensberatung in meinem Postfach:
„Sehr geehrte Student(inn)en und Doktorand(inn)en,
als künftige(r) Absolvent(in) einer der besten europäischen Universitäten wissen Sie gewiss um Ihre einschlägigen Karriereoptionen. Wenn der Einstieg in die Unternehmensberatung für Sie eine interessante berufliche Herausforderung sein könnte, möchten wir Sie gern persönlich kennen lernen.“
Einschlägige Karriereoptionen - das garantiert die London School of Economics. Wir sind schließlich die Elite von morgen. Behaupten zumindest unsere Professoren und späteren Arbeitgeber. Im Studentenwerk hängen Portraits unserer bekanntesten Absolventen und Professoren. Die intellektuelle Ahnentafel reicht von John F. Kennedy bis Paul Krugman. „You are leaders!“ begrüßte uns schon die Direktorin bei der Einführung. Und: „Mit einem Abschluss an unserer Universität steht Ihnen jede Tür dieser Welt offen.“
Uns gehört vielleicht die Welt, aber wir werden erdrückt von ihren Möglichkeiten. Als ich in Münster mein Bachelor-Studium in Politikwissenschaften anfing, wusste ich nicht, welchen Beruf ich damit eines Tagen ausüben wollte. Alles schien so weit entfernt und unerreichbar.
Heute erscheint mir Vieles zwar viel erreichbarer, aber ich fühle mich trotzdem zurückversetzt in die Anfangsphase meines Studiums. Ich habe nämlich immer noch keinen Plan. Was will ich machen? Wofür brenne ich? Eigentlich wollte ich immer Professor oder Bundeskanzler werden. Oder zumindest Diplomat im Auswärtigen Amt. Und außerdem Unternehmensgründer. Und eigentlich gefällt mir jeder dieser Pläne so gut, dass ich keinen aufgeben möchte. Und jetzt?
Lena hat einen Plan: Nach ihrem Austauschsemester in Berkeley beginnt sie jetzt ein Praktikum in der Marketingabteilung eines großen Waschmittelkonzerns in Düsseldorf. Sie soll an einer neuen Strategie arbeiten, mit der noch mehr deutsche Waschmittel in Südamerika verkauft werden können.
Immerhin weiß ich: Waschmittel-Marketing würde ich nie machen wollen. Trotzdem darf ich mich nicht über ihr Praktikum lustig machen, denn ich selbst habe es ihr ans Herz gelegt. Irgendwie scheinheilig.
„Du musst jetzt etwas Solides machen, Schatz. In sechs Monaten hast Du Deinen Master-Abschluss in der Tasche, Europa schlittert in die Rezession, aber in der deutschen Industrie wird noch eingestellt. Das ist ein guter Job, ordentliches Gehalt, Vierzig-Stunden-Woche.“
Überhaupt, das Gehalt - mit leerem Konto lässt sich die Welt kaum retten, und wenigstens dieses Problem habe ich nun mit Beginn des neuen Semesters gelöst: Einer meiner Professoren hat mich eingestellt. Zwanzig Stunden pro Woche arbeite ich für ihn, schreibe Buchempfehlungen für sein Blog unter seinem Namen, koche schwarzen Tee und werkele mit ihm an seinen Fachartikeln. Er schreibt über Internet und Jugendarbeitslosigkeit. Der Job macht Spaß und bringt mir jeden Monat einen beinahe vierstelligen Betrag auf mein Konto. Das entspannt.
Und im August geht es für mein zweites Master-Jahr nach Singapur. Ich freue mich schon.
Bis bald.



Kommentare
Dann viel Glück in Singapur
Dann viel Glück in Singapur und Düsseldorf!