
Südfrüchte raus!
„Die Glanzstücke kommen vom Führer. Wenn in anderen Gauen Texte geschrieben werden, dann sind dafür die Propagandaminister zuständig.“
Führer? Gaue? Propagandaminister? Bei dieser Rhetorik fühlt man sich gut 70 Jahre in der Zeit zurück versetzt. Oder mitten in eine neonazistische Versammlung hinein. Das Ding ist nur: Der Ausspruch ist im guten alten Jahr 2009 getätigt worden – und zwar von einem bekennenden Nazigegner: Tom ist Mitglied bei der Front Deutscher Äpfel.
„Wir arbeiten satirisch. Und kreativ!“, erklärt Tom. Als sich 2004 die Front Deutscher Äpfel rund um den jetzigen „Führer“ Alfred Thun gründete, war das Ziel der damals noch beschaulichen Gruppe, eine Alternative zu bieten und die Lücke zwischen, wie Tom es ausdrückt, „Latschdemos und antifamäßigem Steineschmeißen“ zu füllen. Die Mitglieder verstehen sich als „Reaktion“, „Kunstformation“ und vor allem als „Nicht-Rechte“. „Unsere Sache geht parteiübergreifend alle etwas an. Deshalb sind wir nicht rechts und nicht links“, konstatiert Tom. Und weil es alle etwas angeht, ist die umgangssprachlich als „Apfelfront“ bezeichnete Protestgruppe stark angewachsen: Etwa 1.500 Leute haben sich angeschlossen. Vor allem Schüler und Studenten tragen zum Wachstum der Gruppe bei. Aber auch die Tatsache, dass jeder einfach mitmachen kann: „In wessen Stadt es noch keinen Gau gibt, der kann einfach einen gründen, Freunde um sich scharen und auf den Demos auftauchen. Wir freuen uns über jeden Zuwachs.“ Auf der Website der Aktion sind alle „Gaue“ präsent.
Die Analogien zwischen der Apfelfront und dem Nationalsozialismus sind Absicht. Die Rhetorik zielt darauf ab, Anglizismen zu vermeiden, so nennen die Apfelfrontler zum Beispiel ihre Website „Weltnetzseite“. Auch die Optik ist martialisch und erinnert stark an ältere Nazigenerationen. Apfelfrontler sind in erster Linie an ihren roten Armbinden zu erkennen. Doch in dem darauf gedruckten weißen Kreis ist nicht etwa ein Hakenkreuz zu sehen – sondern ein schwarzer Apfel. „Einerseits heißt der Vorsitzende der sächsischen NPD-Fraktion Holger Apfel, andererseits ist der Apfel eine urdeutsche Frucht: Es lag also nahe, etwas mit Äpfeln zu machen.“, erklärt Tom. Und so dreht sich auch das Programm der FDÄ um diese Frucht: „Wir fordern: Keine Überfremdung des deutschen Obstbestandes! Südfrüchte raus! Und: Fallobst zu Mus!“, rezitiert Tom. All dies karikiert wunderschön alle Neonazis – und führt auch schon einmal zu Verwirrung.
Tom: „Wir arbeiten damit, dass die Leute erst schockiert sind und es dann sympathisch finden, weil sie merken, dass es die Nazis lächerlich macht.“ Die Polizei weiß nicht immer ganz genau, wo denn nun die Apfelfrontler stehen: „Als wir zum ersten Mal in München waren, wurden Leute von uns glatt mal aufs Revier mitgenommen. Die Polizei vermutete einen Verstoß gegen das Uniformierungsverbot oder die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole“, sagt Tom, „Aber meistens freuen sich die Polizisten über uns. Das kreative Element macht auch denen Spaß“. Neben Auftritten auf Demonstrationen kann die Apfelfront auch andere Aktionen aufweisen: Zum Beispiel einen „Marsch auf Berlin“. Und was Hitler damals nicht geglückt ist, gelingt der FDÄ schon lange: „Die Aktion haben wir einfach als Klassenfahrt der Kunstklasse angemeldet. So konnten wir sogar in die Bannmeile vor dem Bundestag, um den Hauptbahnhof und das Kanzleramt, wo Demonstrationen eigentlich verboten sind.“, freut sich Tom. „Wir wollen versuchen, auch Spaß zu haben. So ernst die Sache ist.“
Mit Hilfe von Steffi, Andreas und Frau Merkel
„Wie die Apfelfont provoziert und die rechtsextreme Szene auf die Schippe nimmt, das finde ich toll! Aber manchmal ist das vielleicht ein bisschen gefährlich. “
Das sagt Jan Menge, Leiter der Aktion „Laut gegen Nazis“, über die FDÄ. Sein Projekt beschreitet einen gänzlich anderen Weg zur Bekämpfung des nationalsozialistischen Gedankenguts. „Unsere wichtigste Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler. Wir führen zahlreiche Kampagnen aus, meist mit der Unterstützung Prominenter. Es ist schwer, an die Leute mit so einem schwierigen Thema heran zu kommen. Da hilft die Unterstützung bekannter Persönlichkeiten gewaltig!“, erklärt er die Vorgehensweise.
Derzeit laufen verschiedene Aktionen von „Laut gegen Nazis“. „Zusammen mit verschiedensten Prominenten haben wir Hörbücher produziert. So lesen etwa Steffi und Andreas von Silbermond die Autobiographie eines Holocaustopfers. Dadurch haben wir erreicht, dass sich auch die Silbermond-Fans diesem schwierigen Thema zuwenden“, erzählt Jan Menge. „Außerdem läuft gerade der Wettbewerb „361° Toleranz“ unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin. Schüler sollen sich in Videos Gedanken zu den Themen Ausgrenzung und Rassismus machen.“ Vor allem aber unterstützt „Laut gegen Nazis“ kleine Aktionen. So fahren Mitarbeiter mit Künstlern in kleine Ortschaften, um dortige Jugendinitiativen zu unterstützen. „Auf diese Weise gelingt es uns, die Leute zu motivieren, wir können über unsere gut geknüpften Netzwerke weiterhelfen“, sagt Jan Menge. Mit Konzerten, zum Beispiel mit den Sportfreunden Stiller, wird gleichzeitig auch Geld für diese Initiativen gesammelt.
Sich selbst finanziert „Laut gegen Nazis“ durch Spenden, zahlreiche Kooperationen und den Verkauf verschiedenster antifaschistischer Produkte.
„Wir bieten unter anderem unsere eigenen „Laut gegen Nazis“-Shirts an. Erschreckenderweise haben wir feststellen müssen, dass Leute Angst hatten, diese T-Shirts zu kaufen. Da sieht man, wie weit die rechte Szene schon Macht ausübt.“ Ein anderes T-Shirt entstand zusammen mit der Marke „Lonsdale“. „Heute ist diese als Nazi-Marke verschrien, war früher aber eine Punk-Marke. Lonsdale sponsert die Kampagne jetzt mit T-Shirts und bekennt sich gegen Rechts. Dass die Nazis einfach eine Marke für sich okkupieren können, zeigt, dass sie sich immer weiter in die Gesellschaft drängen.
Dass dieses rechte Gedankengut weit verbreitet ist, zeigt auch eine Umfrage des kriminologischen Instituts Niedersachsen: Von 45000 befragten Schülern der 9. Klasse haben 36,9 Prozent angegeben, dass sie Ausländer nicht leiden und der rechten Szene durchaus etwas abgewinnen können. Die NPD stellt sich als friedlich dar. Wenn es am Rande zu Krawallen kommt, sehen MaierMüllerSchmidt nur, dass die NPD lieb ist und die Linken mit Steinen schmeißen.“
Hardcore-Helfer und Mutmacher
„Wir halten Demos für total wichtig. Und dazu gehört ziviler Ungehorsam. Ich finde, diese Demonstrationen ganz weit ab von dem Nazifest helfen nicht viel. Man muss den Nazis den öffentlichen Raum wegnehmen. Und da muss man sich auch mal auf die Straße setzen, um eine Nazi-Veranstaltung zu verhindern.“
Dieser Meinung ist Joshi. Vor drei Jahren entschloss sich seine Band ZSK, eine Kampagne gegen Rechts zu starten. Dabei entstand „Kein Bock auf Nazis“.
„Uns geht es vor allem darum, Jugendlichen Mut zu machen. Wenn man 15 ist in einem kleinen Dorf mit vielen Nazis, fühlt man sich sehr allein gelassen. Und wenn man ein Interview mit den Toten Hosen sieht, die von ihren Problemen mit Nazis und ihrer Vorgehensweise dagegen erzählen, macht das Eindruck und ist total wichtig“, sagt Joshi. Die Toten Hosen erzählen das auf einer DVD, die von „Kein Bock auf Nazis“ heraus gegeben und kostenlos verteilt wurde. Auf dieser DVD sind auch zahlreiche andere Musiker vertreten, etwa Wir sind Helden, Bela B. und die Beatsteaks. „Es geht nicht um die Musik dieser Bands, sondern um das, was die Künstler gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu sagen haben. Das ist dann nicht so oberlehrerhaft, sondern Idole erzählen – das ist viel glaubwürdiger. Die Kids interessiert das einfach“, fügt Joshi hinzu. Zusätzlich zu der DVD hat die Kampagne rund um ZSK auch eine Schülerzeitung verteilt und Musiksampler in Zusammenarbeit mit unbekannteren Bands hergestellt.
Momentan besteht das Ziel von „Kein Bock auf Nazis“ darin, den Hardcore zu retten. Oder besser: das Wort „hardcore“. Das hat sich nämlich ein bekannter Nazi vom Marken- und Patentamt als Wortmarke schützen lassen. „Grundsätzlich ist die Hardcore-Szene antirassistisch, fortschrittlich und will mit Neonazis überhaupt nichts zu tun haben. Deshalb rufen wir alle Hardcore-Fans dazu auf, sich zu wehren und unser Benefit-Shirt mit dem Schriftzug „Hardcore“ zu kaufen. Mit dem Erlös bezahlen wir einen Anwalt“, sagt Joshi, „Die Nazi-Szene hat sich stark gewandelt. Die versuchen sich sehr offen zu geben und machen Nazi-Hardcore. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Inhalte die gleichen geblieben sind. Die menschenverachtende Ideologie, der Hass auf alles, was anders ist und die ganz offene Aufforderung zum Mord an Andersdenkenden, die bleibt. Es ist einfach ein Versuch, neue, junge Leute zu rekrutieren.“ Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich junge Menschen aktiv für Demokratie einsetzen. Joshi: „Das fängt schon in der Klasse an: Wenn ein Mitschüler plötzlich mit einem Thor Steinar Pulli oder Nazimusik ankommt, muss man sagen, dass das scheiße ist. Das sind Punkte, wo man noch eingreifen kann, wo man noch auf einer freundschaftlichen Basis mit den Leuten ist."
Das sind nur drei von vielen Möglichkeiten, sich gegen Rechts zu engagieren. Und jetzt seid ihr gefragt: Welche Aktion findet ihr denn am besten? Oder engagiert ihr euch vielleicht sogar selbst gegen Neonazis? Erzählt, erzählt! Wenn ihr Unterstützer für eure eigenen anti-rassistischen Projekte sucht, könnt ihr sie auf youpodia vorstellen. Unter: www.youpodia.de/aktiv
Text: Lisa Hoffmann | www.spiesser.de
Foto: mod-x, photocase.com
Kommentare
EKD hat Problem erkannt
Interessant finde ich den Ansatz der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die hat zum verstärkten Kampf gegen Rechts aufgerufen und prüft jetzt juristisch, ob sie Rechtsextreme aus der Kirche ausschließen kann.
NPD-Vizechef Rieger ist tot
habe ich gestern in der Zeitung gelesen.
Damit werden sich viele Rechtssterite erledigen, denn er wird nun nicht mehr versuchen Hotels oder ähnliches zu kaufen, was ja mehrmals zu Problemen geführt hat. Desweiteren bekommt die NPD wohl dadurch auch Geldprobleme. Hoffen wir mal auf eine Insolvenz!!
Nazi-Inhalte im Web 2.0
Was jeder machen kann, ist Nazi-Inhalte im Netz melden. z.B. Nazi-Klamotten bei Amazon oder Nazi-Musik bei Lastfm.
Einfach melden mit der Bitte, die Angebote zu sperren oder zu löschen. Viele Provider haben Passagen gegen "Hate Speech" in ihren Geschäftsbedingungen und löschen die Artikel entsprechend auch.
Bei Amazon muss man übers Kontaktformular gehen, Ebay hat einen eigenen "melden"-Button. Unter Verkäuferinformationen"
Erfolg von Netz gegen Nazis
"Die Proteste haben gefruchtet - Onlineversandhandel Amazon.de hat die Beschwerden von Netz gegen Nazis und seinen Leserinnen und Lesern geprüft - und "Thor Steinar"-Bekleidung aus dem Angebot genommen." - meldet das Netz gegen Nazis
Gut so
Ich kenn die Aktion und finde sie gut , und die provokationen sind angemessen! Das aber linksextreme fast freies spiel haben regt mich immer wieder auf zumal unsere freunde aus dem osten nicht viel besser waren (doppelt so viele menschen sind in lagern umgekommen, großflächige unterversorgung und vom "Bauern- und ArbeiterParadies kann auch nicht die rede gewesen sein...)
Gut
Gut, dass die Rechten echt nichts gewonnen haben. Wenn die mehr Raum kriegen - am besten nicht drüber nachdenken. Aber ich gebe xyxjasmin Recht - auch wenn ich die Aktion von Apfelfront gut finde mag ich solche Begriffe wie Führer etc auch nicht. Find es auch ätzend wenn man damit vermeinteliche "Späße" macht...
Wichtig
Sehr wichtig dass nicht die Augen einfach verschlossen werden. Kar ist das hauptsächlich ein Problem im Osten, aber die Nazis müssen überall ernst genommen werden.
Problem im Osten würde ich
Problem im Osten würde ich nichtmal sagen.. letztes Jahr in der SV gab es bei uns ein ereignis was mich auch sehr geschockt hat muss ich sagen. In Haltern wurden an einer Grundschule CD's mit Nazi-Parolen bzw. Liedern verschenkt. Die Kinder unwissend wie sie sind haben sie natürlich erstmals lauthals nachgesungen...
Uff... harte Zahlen.. hätte
Uff... harte Zahlen.. hätte ich gar nicht so gedacht..
Wir haben in der SV (Schüler-Vertretung) mal mehrere Ansätze gegen die Rechten gehabt. Eine war" Schule mit Courage ohne Rassimus". Dort geht es darum, dass 70% aller Schüler/Lehrer und sonstigen Leuten auf der Schule mit ihrer Unterschrift verpflichten müssen sich gegen Diskriminierung jeglicher Art einzusetzen. Da wir 2 Standorte haben mit insgesamt ca. 3000 Schülern wäre das eine schöne Sache gewesen. Leider ist die SV im letzten Jahr sehr zerfallen. Das projekt fand ich trotzdem gut und werde es der SV von diesem Jahr sicher wieder vorschlagen.. Wen es interessiert: http://www.schule-ohne-rassismus.org/
Diese Apfelfront weckt extremes Aufsehen würde ich mal so behaupten. Bei den Reden muss man ja dann doch ziemlich genau hinhören damit man sie nicht in die falsche Ecke drängt.. obwohl ich ehrlich sagen muss, dass mir das Wort "Führer" bzw. einen "Führer" zu haben alleine schon nicht gefällt.. auch wenn es reine Provokation ist
Wichtiger und guter …
… Artikel! Allerdings: Wir User bei Youpodia sind wahrscheinlich zu einem großen Teil sowieso sensibilisiert, was diese Fragen angeht. Ich frag mich immer, wie man die Leute erreicht, die für solche Parolen empfänglich sind? Solche Aktionen, sind da bestimmt ein guter Ansatz, aber am nachhaltigsten ist meiner Meinung nach, den Nährbpoden zu beseitigen. Wer Chancen in seinem Leben sieht, wer eine Zukunft hat, der projeziert seine Wut nicht auf "die anderen".
@Martin
Da gebe ich dir recht. Viele Jugendliche, die wenig Perspektive für ihr Leben sehen und keine ausreichende Bildung genossen haben, lassen sich leichter von der NPD einlullen und ködern. Bloß, wie öffnet man ihnen die Augen?
Mit ein Grund..
... warum ich heute auch meine Stimme abgegeben habe. Verstehe auch nicht, wie man nicht aus der Geschichte lernen kann. Und dieses Umfrageergebnis erschreckt mich doch sehr...
Die Front Deutscher Äpfel finde ich sehr kreativ. Und sie fallen auf. Kann mich erinnern, dass ich bei ner Aktion schon zwei Mal auf die Armbinde schauen musste... und erleichtert war, dass es ein Apfel war und kein Kreuz.
Ich selbst war sonst auf Anti-Nazi-Demos dabei. Ist zwar nur ein vergleichsweise kleiner Beitrag, aber man zeigt Präsenz und dass man sich mit rechtsextremen Gedanken nicht anfreunden wird. Wie schon im Text beschrieben, man muss den Nazis den Raum wegnehmen.
@Piet
Da geb ich dir Recht, alleine um den Rechten wenig Chancen zu geben sollte man wählen gehen - was ich übrigens schon hinter mir habe ;o)
Habe letzte Woche im Radio den Wahlwerbespot der NDP gehört, da ist mir ja fast schlecht geworden... Kann nicht verstehen, dass Leute immer noch so denken können...
Geld für Wahlkamfpkosten
...ein Grund mehr heute wählen zu gehen, damit rechte Parteien möglichst wenig Geld bekommen für den nächsten Wahlkampf. Ich glaube unter 0,5 % wäre gut.
Coole Aktionen! Bei uns in der Innenstadt ist die NPD letzte Woche mit ihrem gesamten Propagandamaterial in einen Brunnen "gefallen", vor dem sie sich mit ihrem Stand positioniert hatte - sozusagen über den rechten Rand gerutscht ;-) Schönes Bild. Habe ich leider nicht fotografiert.